Ganztagsschule und Betreuende Schule - FDP befürwortet Parallel-Lösung
Formen von Ganztagsschulen nach dem rheinland-pfälzischen Schulgesetz
Seit vielen Jahren treibt die Landesregierung - bereits schon unter seinerzeitiger Beteiligung der FDP in der sozial-liberalen Koaltion vor einigen Legislaturperioden - den Ausbau von Ganztagsschulen voran. Das rheinland-pfälzische Schulgesetz lässt den Kommunen nach reiflicher Überlegung und Abwägung der Interessenlage von Eltern und Pädagogen die Wahl zwischen drei möglichen Varianten einer Ganztagsschule:
1. Die offene Ganztagsschule
2. Die Ganztagsschule in Angebotsform
3. Die verpflichtende Ganztagsschule
Wir begrüßen die Entscheidung des Gesetzgebers sehr, alle drei Varianten zuzulassen. Nach unserer Auffassung gibt es die flächendeckende ideale Ganztagsschule nicht. Je nach Schulform, Förderbedarf und Präferenzen der Eltern hat ein bestimmtes Modell Vorteile gegenüber einem anderen. Offene Ganztagsschulen sind naturgemäß bei Eltern beliebt, die auf eine hohe zeitliche Flexibilität Wert legen und gerne einen Anteil der Förderung ihrer Kinder nach eigenen Vorstellungen selbst übernehmen möchten. Nicht alle aber dennoch viele Eltern leben eine mehr oder weniger klassische Rollenverteilung, in der ein Partner voll- und der andere teilweise oder garnicht berufstätig ist. Politiker dürfen und sollten unseres Erachtens das angestrebte Familienmodell in einer Gesellschaft nicht bewerten. Die leider gelegentlich vertretene Ansicht, nur reiche Familien leisteten sich das klassische Familienmodell oder gar die Unterstellung eine offene Ganztagsschule würde einer "Klientelpolitik" Vorschub leisten, teilen wir nicht. Die Entscheidung, die Erziehung von Kindern auf die eine oder andere Art wahrzunehmen ist nicht eine rein finanzielle oder sozial-statusabhängige. Wertorientierungen, eigene Erfahrungen und ganz persönliche Vorlieben spielen dabei ebenfalls, wenn nicht gar eine wesentlich größere Rolle.
Für Familien, deren Elternteile beide voll berufstätig sind, dürfte die Ganztagsschule in Angebotsform in vielen Fällen die beste Wahl sein. In Rheinland-Pfalz stellt sie ein Lehr- und Betreungsangebot an vier Tagen in der Woche von 8-16 Uhr zur Verfügung. Die verpflichtende Ganztagsschule ist nach unserer Einschätzung vor allem für Kinder mit einem besonderen Förderbedarf geeignet. Unsere lokalen Mitstreiter der SPD sehen hierin ein Zukunftsmodell für alle Kinder. Auch progressive Erziehungswissenschaftler führen gesellschaftliche Veränderungen wie Defizite in der elternlichen Erziehung an, die eine flächendeckende verpflichtende Ganztagsschule notwendig machten. Die Verstärkung der sozialen Schere in der Gesellschaft wird als Begründung bemüht. Unseres Erachtens ist der Beweis hierfür schwer zu führen. Länder wie Österreich mit moderatem Ganztagsschulausbau zeigen im internationalen Vergleich ähnlich wie die "Ganztagsschul-Länder" in Skandinavien wenig soziale Spannungen. Als Partei, die Bildung als ein Bürgerrecht ansieht, wollen wir von mündigen Bürgerinnen und Bürgern ausgehen, die - selbstverständlich unter der angemessenen Mitwirkung und Beratung von Pädagogen - Entscheidungen über gewünschte Schulträger und Schulformen selbst treffen können. Die Schutzfunktion für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler sollte unseres Erachtens in einer hinreichenden finanziellen Förderung der betroffenen Eltern bestehen, so dass entsprechend Begabte Chancen genauso nutzen können wie Schüler aus finanziell besser gestellten Haushalten. Eine einheitliche Schulform und eine flächendeckende Ganztagsschule löst die Probleme der betroffenen Kinder nicht unbedingt.
Gelegentlich wird argumentiert, Deutschland habe einen Nachholbedarf in Bezug auf die verpflichtende Ganztagsschule und man verweist auf die soziale Ungerechtigkeit als Ursache hierfür. Hauptgrund für die zögerliche Einführung ist neben der fehlenden Begeisterung vieler Eltern sicher ein historischer Grund. Erziehungswissenschaftler führen die Zeit des Nationalsozialismus und der DDR als wichtige Gründe für die Skepsis gegenüber verfplichtenden Ganztagsschulen an. Der Staat hat naturgemäß bei dieser Schulform stärkere Möglichkeiten des Eingriffs und der ideologischen Lenkung. Eine Situation, vor der viele Menschen in den Nachkriegsjahrzehnten verständlicherweise Angst hatten. So gesehen dürfte auf lange Sicht ein gewisses Ausbaupotenzial dieser Schulform bestehen.
Betreuende Schule
Neben den angesprochenen Ganztagsschulformen ermöglicht der Gesetzgeber die Einführung betreuender Schulen. Er schließt dabei das parallele Angebot einer Ganztagsschule nicht aus. Auch diese Entscheidung begrüßen wir. Sie lässt den Eltern die Wahlfreiheit. In Heidesheim hat sich seit mehr als 10 Jahren die Betreuende Grundschule bewährt. Sie wird derzeit von ca. 80 Eltern genutzt. Das Zeitkonzept gleicht einer offenen Ganztagsschule und erstreckt sich an den Nachmittagen von 12-17 Uhr. Zusätzlich wird eine Frühbetreuung von 7-8 Uhr und ein Ferienangebot zur Verfügung gestellt. Dieses bei den Heidesheimer Eltern sehr beliebte Angebot wurde von unserem langjährigen Parteivorsitzenden und Bürgermeister Herbert Eckert ins Leben gerufen und später von Bürgermeister Karl-Werner Rump gefördert.
Heidesheimer werden in Reiseführern als "Völkchen" beschrieben, das sich durch ein ausgeprägtes Vereinsleben auszeichnet. Das flexible Zeitkonzept der Betreuenden Grundschule kommt der Vereinbarkeit von Schule und Vereinsleben sehr entgegen. Die Kinder werden dort liebevoll bei Hausaufgaben betreut und durch Spiele, Bastelarbeiten, Gruppenübungen sowie Exkursionen beispielsweise zur Kinderuniversität gefördert und gefordert.
Die FDP befürwortet den Fortbestand dieses schönen Angebotes in der bisherigen Form. Wir sehen keine Notwendigkeit, das Angebot einzuschränken, weil im kommenden Schuljahr die Ganztagsschule in Angebotsform eingeführt wird. Entsprechend sprachen und sprechen wir uns bei entsprechenden Entscheidungen in den politischen Gremien für eine Parallel-Lösung und nicht für eine Ergänzungs-Lösung aus wie es die SPD vorschlägt. Uns ist - ebenso wie dem Gesetzgeber bewusst - dass hierdurch ein Wettbewerb bzw. eine Teilung der Nachfrage entsteht. Die mögliche Kürzung von Fördermitteln ist für uns gegenüber dem Elternwillen ein sekundärer Grund. Am Ende bezahlt der Steuerzahler so oder so. Uns kommt es aber darauf an, dass die BürgerInnen selbst eine Wahlmöglichkeit der Leistung haben. Zudem denken wir, dass die Konkurrenz von Ideen, Produkten und Konzepten ebenso wie in anderen Lebensbereichen für die Gesellschaft von Vorteil ist. Das Leistungsangebot ehemaliger Monopolunternehmen wie der Deutschen Telekom ist ja auch seit der Deregulierung des Telekommunikationsmarktes besser geworden. Ein Qualitäts- und Preiswettbewerb zum Vorteil des Verbrauchers war die Folge.
Welche Schulform ist die beste?
Gerne wird bei der Diskussion um Ganztagsschulen und Gesamtschulen oder integrierten Schulen die PISA-Studie erwähnt. Für Deutschland ist der unterstellte schulische Erfolg gebundener Ganztagsschulen ebenso wie der von Gesamtschulen noch nicht statistisch signifikant nachgewiesen, was einzelne erfolgreiche Schulen natürlich nicht ausschließt. Die langfristigen PISA-Sieger Bayern und Baden-Württemberg erzielten bisher mit der klassischen Halbtagsschule und dem dreigliedrigen Schulsystem sehr schöne Ergebnisse. Sie verschließen sich nicht anderen Schultypen, sondern stellen ein breites Angebot verschiedener Schulformen bereit. Der Ausbau von Ganztagsschulen geschieht dort etwas langsamer als in vielen anderen Teilen unserer Republik.